Normative

Es ist schon einige Zeit her, dass ich auf Twitter auf einen Screenshot eines GayRomeo Chats aufmerksam gemacht wurde. Zu sehen ist ein (traurigerweise gewöhnlicher) Austausch, wie er auf Online-Dating-Plattformen tausendfach geschieht. Statt die Möglichkeit eines Gesprächs zu schaffen, wird mit den Worten „Sorry such wen männlichen“ jegliche Kommunikation unterbunden, indem das gegenüber auf Basis von einem Foto als „wenig männlich“ definiert wird. Aber was geschieht da eigentlich noch mit dieser Aussage?

Als queeres Individuum ist man es wahrscheinlich gewohnt von heterosexuellen Mitmenschen danach gefragt zu werden, ob man Mann oder Frau in einer Beziehung sei – eine sehr beschränkte Sicht auf zwischenmenschliche Beziehungen – aber wie traurig ist es eigentlich, dass wir uns auf Datingseiten ebenfalls gegenseitig in diese Kategorien einteilen?!

Mit dem Ausspruch „Sorry such wen männlichen“ wird das Gegenüber nicht nur vom Chatpartner entmännlicht, es wird auch eine ganz grundsätzliche Vorstellung von Liebe, Partnerschaft (und in diesem Fall wahrscheinlich) Sex transportiert und reproduziert. Dass es für alles, was über Freundschaft hinausgeht (Ehe, Beziehung, Intimität), einen Mann und eine Frau braucht. Klassisch und konservativ. Deshalb die Frage:

Gibt es eine Sehnsucht nach „einfachen“ Strukturen?

Es ist nicht so, als bräuchte es für diese These noch mehr Beispiele, aber da ich mich mal innerhalb eines Seminars ganz oberflächlich an die Frage von latenter Homophobie innerhalb der „queeren Community“ herangetastet habe, ist mir klar geworden in welcher Häufigkeit Profilbeschreibungen (zuvor bereits im Blogbeitrag „No Asians“ erwähnt) – die Satzkonstruktionen, wie: „bitte keine handtaschenschwuchtel“, „ich bin ein mann und ich suche auch nur männer“, „nur heterolike“ und (mein favourite, tatsächlich so auf GayRomeo gefunden:) „ich hasse all die queens, die sich über die szene definieren. denkt mal darüber nach: wenn ihr euch nur über die szene definiert, was wäre dann, wenn es die Szene nicht gäbe? wärt ihr dann nichts?“* enthalten.

Es scheint eine ganz einfache Gleichung zu sein, die diesen Aussagen zugrunde liegt: Das ist männlich=gut, das ist weiblich=schlecht; das ist heterolike=geil, das ist szenegänger=queen=iiih.

Die Aufteilung in ein binäres System kennen wir wahrscheinlich in erster Linie aus unserer, von heteronormativen bestimmten, Gesellschaft. Und wenn wir mit dem „positiven“ beginnen wollen, solche Strukturen können auf jeden Fall als ein Rückzugsort fungieren. In einfachen Strukturen kennen wir uns aus und vor allem Dinge die uns „neu“ sind, werden zumeist erstmal in sehr breiten Kategorien eingeordnet oder mit bereits bekanntem abgeglichen. Das ist ein ziemlich basischer menschlicher Wahrnehmungsprozess.

Wenn Sex zur Sprache kommt und einem schwulen Mann die Frage nach der Geschlechterrolle gestellt wird, dann ist eigentlich gemeint, wer penetriert und wer penetriert wird. In der heterosexuellen Norm ist es der Mann der penetriert und die Frau die penetriert wird. Dieses Konzept wird aufgrund einer vermeintlichen Ähnlichkeit übernommen. Ignoriert wird hierbei zum einen, dass es bei Schwulen mehr als Analsex gibt und dass man bei mehrmaligem Sex auch verschiedene „Rollen“ einnehmen kann, zum anderen, dass es auch bei heterosexuellen Paaren verschiedene sexuelle Spielarten gibt und es z.B. nicht zwangsweise der Mann sein muss, der die Frau penetriert, es auch genauso andersrum möglich ist (gerade wo es dem Mann dank Prostata vergönnt ist ein ziemliches Wohlgefallen an analer Stimulation zu empfinden). Genaueren Betrachtungen halten diese Kategorien in penetrierend=männlich und penetriert=weiblich also eigentlich eher nicht stand.

Nach problematischer wird es, wenn mit „männlich“ ein starkes, selbstsicher, dominantes Auftreten gemeint ist. All jenen Menschen, die mir in meinem bisherigen Leben vorgeworfen haben ständig „Gender“ in alle Themen zu bringen möchte ich an dieser Stelle entgegnen: Wieso müsst ihr überall „Gender“ reinbringen, selbst in allgemeine Personenbeschreibungen?! Adjektive zu gendern ist nichts, womit man in unserer Gesellschaft alleine dastünde, aber es ist aus meiner Sicht etwas, was zu überdenken recht spannend sein kann.

Binarität als eine allgemeingültige Ordnung hat reichlich Schwächen. Das lässt sich wunderbar mit einer Gruppe von Menschen verdeutlichen, so wie ich es mal in einem Uniseminar erlebt habe. Eine Kommilitonin organisierte einen Vortrag, bei dem wir animiert wurden zu partizipieren, indem wir uns zu bestimmten Fragen buchstäblich positionieren sollten. Was magst du lieber, Sport oder Musik? Auf der einen Seite des Raums nun also Sport, auf der anderen Seite Musik, stellten wir uns spontan in die jeweiligen Ecke. Während man es zuerst noch schaffte die Gruppe in zwei Lager aufzuteilen erspielten sich Teilnehmende zunehmend sowohl eine Mitte und schlussendlich gar Orte „eher auf der einen Seite“, als zwischen Mitte und „Extrem“. Gerade bei Themen mit höherer Komplexität fällt es nicht einfach eine eindeutige Position einzunehmen, ohne diese begründen zu dürfen. Und wer würde behaupten wollen, Sex und Gender seien keine komplexen und facettenreichen Themen?

Dieser Text birgt wohl in seiner Gesamtheit das Potenzial Missverständnisse zu produzieren. Wie auch beim Blogartikel zu rassistischer Diskriminierung ließe sich entgegnen: Was soll die Aufregung – man(n) steht auf was man(n) steht? Es ist für mich (wie ja auch skizziert, als ich es „menschlich“ nannte) nicht grundsätzlich problematisch Dinge (oder Menschen) in binäre Systeme einzuteilen. Zu entscheiden ob wir etwas zum Beispiel gut oder schlecht finden ist wohl ein allzu menschlicher Impuls.  Aber genau wie bei „gut“ & „schlecht“, gibt es eben auch ein „dazwischen“, einzelne Aspekte an etwas, die trotz einer positiven Bewertung negativ sein können und ansersrum – es gibt eben auch „Grautöne“. Was in den paraphrasierten Profiltexten geschah, war leider teils mehr als eine Einteilung, es ging schon auch in die Richtung einer Bewertung beziehungsweise einer Abwertung und da wird es eben schwierig. Die Aussage, ein Mann sei kein Mann weil er schwul ist, ist homophob. Facetten dieser Aussage zu übernehmen ist eben meiner Meinung nach ebenfalls (latent) homophob. Das ist es, was die Aussage „Sorry suche wen männlichen“ in meinen Augen so deppat macht; das, was mit impliziert wird.

Ich glaube, was sich aus diesen Momenten in der virtuellen Datingwelt lernen lässt ist, dass auch die Nicht-Heterosexualität in einer Gesellschaft stattfindet, die Heterosexualität zu einem normativ erklärt und somit eben auch bestimmte Regeln und Vorstellungen übernimmt. Homosexualität spielt sich dann oft nicht abseits dieser Ordnung ab, sondern eben dazwischen oder mittendrin.

* Die Sätze aus den Profiltexten sind natürlich bloß aus dem Gedächtnis paraphrasiert, aber ich bin mir fast sicher, dass sie fast alle konstant kleingeschrieben waren. 😉

 

Vielen Dank für das Lesen des Artikels. In dieser Woche geht ein besonderer Dank an Lukas, der mich auf das Thema aufmerksam gemacht hat. Über interessante, sachliche, konstruktive Kommentare würde ich mich sehr freuen. Gays and the City ist eine Kolumne rund um Beziehung, Dating, Sex und Toleranz. Neue Artikel erscheinen (planmäßig) jeden Montag. Ich wünsche wie immer eine gute Woche! 🙂

 

2 Gedanken zu “Normative

  1. Es gab vor einiger Zeit einen Beitrag in einen kalifornischen Online-Medium, in dem ein Schwuler schwarzer oder dunklerer Hautfarbe (jedenfalls nicht „weiß“), anderen, „weißen“ Schwulen latenten oder offenen Rassismus vorwarf, wenn sie nur andere, „weiße“ („caucasian“) Schwule „daten“, was ja die Hoffnung auf eine sexuelle Beziehung beinhaltet. Begründet wurde dieser Vorwurf damit, daß der Autor meinte, diese Präferenz für die eigene Hautfarbe sei „kulturell erlernt“ und könne durch Übung „verlernt“ werden.

    Wohl wenig überraschend, daß ich solche Präferenzen, sei es Hautfarbe, Körperbau oder auch Ausstrahlung und Verhalten („männlich“/“tuntig“/“etc“) nicht für „erlernt“ und damit „verlernbar“ halte, und selbst wenn die empirische Wissenschaft mich darin korrigiert: Warum sollte man seine Präferenzen, seinen Fetisch usw verlernen *wollen*? Ich erinnere mich an ein „Blind Date“ bei dem mich mein Gegenüber offen fragte, ob ich auch Anzug, Weste und Krawatte trage bzw mir vorstellen könne, das zu tragen. Worauf ich mit Überzeugung antworten konnte, daß „nein“. Worauf hin schlagartig sein Interesse verschwunden war, was ich weder persönlich genommen noch theoretisch intellektualisert habe.

    Jede Zurückweisung ist natürlich eine kleine Kränkung und keine schöne Erfahrung, aber im sozialen Alltag unter aufrichtigen Menschen unvermeidlich. Ich hege bisweilen die These, daß ein unterschwelliges Motiv für die soziologischen Theorie-Gebäude letztlich die systematisierte Vermeidung der Erfahrung von (kleinen und größeren) Kränkungen und Zurückweisungen und dem Wunsch nach Anerkennung durch die, die einen zurückweisen, ist. Woraus dann ein antagonistisches normatives System („queer“ = „geil“, „heteronormativ“ = „iih“) entsteht, das seinerseits mit Zurückweisung und natürlich der Forderung an die anderen, „umzulernen“ operiert.

    Halte ich für komplette Energieverschwendung. Der römische Kaiser Caligula, jener lunatic, der sein Pferd zum Konsul machte, soll gesagt haben: „Ach wenn das römische Volk nur *einen* Hals hätte“ (um es daran aufzuknüpfen, natürlich: bei Sueton), nun hat jeder Mensch einen eigenen Hals und einen eigenen Kopf und anstelle daß wir alle jene, die „wen männlichen“ suchen, zu überzeugen suchen, sollten wir sie einfach ignorieren. Selbst, wenn wir eigentlich wen suchen, der „wen männlichen“ sucht.

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