Das Smartphone in der Beziehung

Bis zu diesem Zeitpunkt bin ich seit dem Erstellen dieses Blogs konsequent der Frage nach meinem aktuellen Beziehungsstatus aus dem Weg gegangen. Wenn ich beispielsweise über Sex in der Beziehung schreiben konnte, bedeutete das ja erstmal nur, dass ich bereits in einer Beziehung gewesen bin, nicht aber wann das gewesen ist; Gleiches galt ebenfalls für meinen Bericht über ein One Night Stand.

Es ist bereits mehrere Monate her, dass ich die ersten Beiträge für diesen Blog in meinen Laptop eingetippt habe. Zu dieser Zeit bin ich auf einige Dates gegangen, habe das Studium konsequent vernachlässigt, um Party und neue Bekanntschaften zu machen. Genau in jenem Moment, als ich nicht damit rechnete, dass es doch noch jemanden da draußen geben könnte, der an einer Beziehung mit mir interessiert sein könnte, habe ich Nils kennengelernt.

Nils wohnt nicht in Wien. Da die Strecke von seiner Wohnung zum Bahnhof und von dort bis zum Wiener Hauptbahnhof jedoch auch nicht wesentlich mehr Zeit in Anspruch nimmt, als die Fahrt von einer zur anderen Wiener U-Bahn-Endhaltestelle, lässt er sich auf Gayromeo häufig in Wien anzeigen. Nach ein paar Tagen des Chattens, einem wundervollen ersten Date, Stunden um Stunden von quality time steckten wir wohlbedacht ab, wie ein offizielles Zusammensein aussehen könnte. Er arbeitet in der Woche Vollzeit, aber wenn ich will, darf ich auch mal an Werktagen bei ihm übernachten (er hinterlässt mir dann einen gedeckten Frühstückstisch) und am Wochenende kommt er fast immer nach Wien.

Diese (größtenteils) Wochenendbeziehung ist meine erste, bei der das Smartphone eine übergeordnete Rolle spielt – die Tage des Wartens können schon mal etwas lang werden. Ich kann deswegen jedoch auch aus erster Hand Feststellungen hinsichtlich folgender Frage machen:

Wie wirkt sich das Smartphone auf eine Beziehung aus?

Was Skype für eine Fernbeziehung ist, könnte das Smartphone vor allem für Wochenendbeziehungen sein. Rund um die Uhr in Kontakt stehen können; man ist letztlich immer nur einen Touchscreen-touch entfernt von romantischen Nachrichten, Küsschenselfies und Internetmemes, über die man gemeinsam lachen kann.

Leider birgt das Smartphone auch Gefahren. Darunter fällt ganz besonders ein Feature von WhatsApp: die zwei blauen Häkchen. Sie bedeuten, dass eine gesendete Nachricht nicht nur bei der/dem Empfänger*in angekommen ist, sondern, dass diese auch gelesen wurde. Die einhergehende Gefahr läuft beidseitig. Einerseits kann es dem Herzen schon mal einen leichten Stich versetzen, wenn der/die* Angebetete Nachrichten liest, sich daraufhin jedoch mehrere Stunden nicht meldet. Andererseits kennen wir wohl alle aus Erfahrung Situationen, in denen wir Nachrichten erst zeitversetzt beantworten konnten und es ist dann natürlich höchst unschön war, gemaßregelt zu werden, warum man nicht zeitnah auf Nachrichten reagiere. Da wir jedoch alle schon beide Seiten des beschrieben Szenarios kennengelernt haben, sollten wir wohl alle lernen, entspannter mit diesen zwei blauen Häkchen umzugehen.

Es gibt noch ein weiteres Gefahrenpotenzial, welches vom Handy leicht ermöglicht wird. Das Phänomen des Fremdschreibens.

Es kann einem manchmal schon ziemlich in den Fingern jucken, wenn man mit dem Smartphone des Freundes alleine gelassen wird. Das gilt vielleicht nochmal stärker, wenn man in einer Wochenend- oder Fernbeziehung ist und sowieso irgendwann mal den unguten „Was wäre wenn“-Gedanken hatte, ob der Partner nicht doch theoretisch mehrgleisig fahren könnte. Was passiert genau, wenn die zwei blauen Häkchen auftauchen, er aber nicht schreibt? Mit wem, wenn nicht mit mir, chattet er, wenn er ständig online kommt, aber meine Frage nicht beantwortet?

Die Schwächsten von uns geben diesem Jucken nach und im besten Fall kommt man sich in diesem Fall dann vor wie das größte Arschloch, weil man das Handy der/s Parnter(s)*in in Händen hält, sich stinklangweilige Nachrichten an Freund*innen, Familie oder Arbeitskolleg_innen durchliest und dich dabei fragst, was zur Hölle man da gerade tut. Schlimmstenfalls macht man jedoch die erschreckende Entdeckung, dass der/die eigene Partner*in fremdschreibt.

Bevor es nun Vorwürfe hagelt: Ja. Es ist völlig falsch, in den privaten Angelegenheiten anderer herumzustöbern, auch (oder vor allem?) in einer Beziehung. Ich bin mir dieses Fehlers durchaus bewusst und würde diesen auch als solchen eingestehen. Zu meiner Verteidigung bringe ich noch hervor, dass das Smartphone eben auf dem Tisch gelegen ist, wie wild vibriert hat und die WhatsApp-Benachrichtigung folgende Worte „3 Neue Nachrichten von Malte GR“ für meine unschuldigen Augen bereit hielt, weswegen ich in die Versuchung kam, nachzuprüfen. Bei diesem Kürzel (GR = GayRomeo/PlanetRomeo) muss man ja misstrauisch werden.

Was sich meinen nachfolgend nicht mehr ganz so unschuldigen Augen eröffnete, waren nun unzählige Nachrichten an jenen „Malte GR“, an „Hottie Grindr“ und an „Paul“, angefangen von Komplimenten wie geil er (mein Freund Nils) nicht sei, über Sexting inklusive Fotos und Videos, kleineren Sexanfragen („Bin horny, wo bist du gerade“ und als Antwort der GPS-Standort) bis hin zu den mysteriösen Nachrichten à la: „Schön war’s – wie immer“.

Geschockt legte ich das Handy wieder zurück, fühlte mich erstmal ziemlich taub und überlegte dann, wie ich weiter vorgehen sollte. Da ich meinen Gemütszustand (sowas hat Vor- und Nachteile) auf meinem Gesicht vor mir her trage, musste ich ihn bereits am nächsten Tag zur Rede stellen (viel länger wäre es dank meiner düsteren Mimik sowieso nicht geheim geblieben).

Ich versuchte mich klug anzustellen, indem ich erstmal eher einen allgemeinen Statuscheck der Beziehung veranlasste und diskutierte, wie wir zu fremdküssen in der Fetten, chatten mit anderen Männern und allem was in diese Richtung geht, stehen – vor allem da wir ja als Wochenendbeziehung bestehen. Es dauerte keine zwei Minute, bis er sein Chatten gestand, sagte, dass da außer einem Fehltritt, bei dem er einen Typen getroffen hat, Schuldgefühle bekam und er ihm „lediglich“ einen runtergeholt und dann gegangen ist, nichts gewesen ist. Er redete immer schneller, beteuerte, dass er mich nicht verlieren wolle, wurde immer aufgeregter und hatte merklich Panik, dass ich glauben konnte, dass er mich immer noch anlog. Aber ich wusste genau, dass er alles gesagt hatte, was gewesen ist, so gut kannte ich ihn dann doch bereits. Und was war, reichte ja auch bereits, um dem Vertrauensverhältnis einen deutlichen Knacks zu geben. Ich habe ihm erstmal gesagt, dass ich etwas Zeit bräuchte und deswegen etwas Abstand suchen musste. Noch am gleichen Tag brachte er mich zum Bahnhof und ich fuhr zurück nach Wien, während tausende Gedanken durch meinen Kopf gingen.

Die in meinem Fall schlimmste Entdeckung war die, dass er tatsächlich zu einer Zeit, in der er mir nicht geantwortet hatte, munter mit jemand anderem schlüpfrig gechattet hatte. Es sind nicht die Nachrichten an sich, die Fotos, Videos und die gesendeten Drop-Pins – es ist das Gefühl, hintergangen worden zu sein, belogen worden zu sein, all das von einer Person, der man vertrauen können sollte.

Wie sich das doofe Fremdschreiben für den hintergangenen Partner anfühlt? Gar nicht gut. Das kann ich aus erster Hand berichten. Die Wahrheit ist also: Ja, ich bin derzeit in einer Beziehung. Noch. Denn gerade schaut es für uns nicht mehr gut aus.

5 Gedanken zu “Das Smartphone in der Beziehung

  1. Ich drück jetzt nicht aufs „Sternchen“ weil mir der Beziehungsstatus ‚gefällt‘, sondern diese klare Analyse von der ‚Verdatung‘, so dass immer mehr nachweisbar wird. Und es gibt verdammt oft Scheiß-Zufälle, wo man einen Blick auf ein fremdes Handy wirft …
    Red‘ aber erstmal offen (!) mit ihm und frag, was ihn dazu getrieben hat …

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