Webcam

Kennt ihr diese Sendung „Absolut Anita – Girlietalk Deluxe“ auf KroneHit? Man kann live ins Studio anrufen und über ein zuvor bestimmtes Thema diskutieren, indem man zum Beispiel eigene Anekdoten einbringt oder Probleme mit der Moderatorin Anita Ableidinger bespricht. Quasi wie damals bei „Domian“, der deutschen Radiosendung mit der Radio- und Internetberümtheit Domian, nur halt nicht mit Domian und mit versuchsweise mehr Östrogen.

Ich erinnere mich noch sehr lebendig an den Moment, als mein Freund Nils und ich in der Küche saßen, Gemüse geschnitten haben und ein schwuler Mann im Radio davon berichtete, dass sein Ex-Partner hinter seinem Rücken mit „Webcamshows“ Geld im Internet verdiente. Während ich auf das Erzählte erstmal mit ziemlich viel Unverständnis reagierte und es deswegen auch in diese Richtung kommentierte, nahm das entspannte gemeinsame Kochen eine ziemlich unerwartete Wendung, als Nils plötzlich anfing Fragen zu stellen, wie es für mich wohl wäre, wenn er sowas machen würde. Als er nicht lockerließ allgemeine Fragestellungen zu dem Thema hervorzubringen wurde mir natürlich klar, dass womöglich ein Geständnis darüber folgen würde, dass er das selber auch interessant fände. So ähnlich kam es dann auch. Während es zuerst auch noch danach klang, als würde er hypothetisch darüber sprechen eine „exhibitionistische Seite“ in Zukunft trotz Beziehung ausleben zu wollen, stellte sich nach und nach heraus, dass ich eigentlich etwas absegnen sollte, was bereits stattgefunden hatte. Der Kontakt mit anderen Männern via Webcam.

Für mich stellte sich nun die ziemlich überfordernde Frage:

Wie sollte ich mit diesem erneuten Vetrauensbruch umgehen?

Der Anrufer der KroneHit Sendung erzählte davon wie besagter Ex sich eine Onlinepräsenz erstellte, damit er gezielt ein Publikum generieren konnte, welches ihm „folgen“ konnte und über regelmäßige Übertragungen von Liveshows bei denen er masturbierte und gegen Geld Wünsche von Zuschauenden nachkam, informiert wurde. Es war also die Rede von einem Nebenverdienst und (in gewisser Weise, zumindest was die Unwissenheit des Partners betraf) einem Doppelleben. Für das Geständnis meines Freundes waren die Erzählungen aus dem Radio zum Glück nur der basische Ausgangspunkt. Sich via Webcam mit anderen Menschen zu verbinden war eine 2-3 Mal ausgeführte Praxis und basierte bis dato nicht auf dem Prinzip es in irgendeiner Weise kommerziell ausschlachten oder ein Stammpublikum generieren zu wollen.

Ich blieb erstmal ganz ruhig und stellte nüchtern ein paar Verständnisfragen. Zur Antwort erklärte Nils: „Ich glaube das ist etwas, was bei mir alle paar Monate hin und wieder auftritt. Ich bekomme das Bedürfnis mich Jemandem zu zeigen. Vielleicht ist es etwas Narzisstisches, denn eigentlich geht es nur darum mir mit dieser Sache mein Ego aufzubauen, weil es etwas ist, was mir Komplimente einbringt.“ Dieser Teil seiner Antwort ist etwas, was mich nicht vollständig überrascht. Seine „exhibitionistische Seite“ hat zumindest bereits zuvor mal Erwähnung gefunden. Er erklärte weiter: „Ich hatte das selber nicht gedacht, aber das ist bei mir ziemlich zur Gewohnheit geworden, weil ich es immer mal wieder die Jahre gemacht habe die ich Single war und das Gefühl habe es auch jetzt hin und wieder zu brauchen.“ Meinen ersten Gedanken (die Schlussfolgerung, dass die Aufmerksamkeit die ich Nils schenke ihm nicht ausreicht; dass ich ihm vielleicht allgemein nicht ausreiche) schob ich erstmal beiseite (weil ich mir nicht vorstellen kann, dass er dies bejahen würde – selbst wenn es so wäre). Stattdessen hakte ich bezüglich den zuletzt betriebenen „Sessions“ nach: „Was beinhaltet eine Webcamshow? Was machst du da genau? Schreibst du dann auch währenddessen mit den zuschauenden Männern? Chattest du auch sonst mit ihnen?“ – „Wichsen. Ausschließlich wichsen. Die Webcam zeigt nur meinen erigierten Penis, meinen restlichen Körper zeige ich nicht. Ja, Zuschauende können mir schreiben, aber auch auf Nachfrage zeige ich meinen Po in keine Kamera. Und nein, ich habe mit ihnen außerhalb der Webcamplattform keinen Kontakt.“

Damit war ich erstmal bedient. Schweigend kochten wir weiter, bis Nils mit der Nachfrage, was ich jetzt über die Sache denke, ein wenig nervös die Stille durchbrach. Ich verwies ihn darauf, dass ich erstmal Zeit brauchen würde mir ein paar Gedanken dazu zu machen. Das sei jetzt alles sehr viel auf einmal gewesen und ob ich mich nach dem Essen vielleicht etwas zurückziehen könne? Ihm blieb nichts Anderes übrig als mir diese Zeit für mich zuzugestehen und so machte ich nach unserem angespannten, sehr späten Abendessen noch einen kleinen Spaziergang.

Unsicher was ich mit diesen neuen Informationen genau anfangen sollte, machte ich erstmal einen Beziehungsstatuscheck. Ich fühlte mich wohl mit Nils. So wohl, wie ich mich schon lange nicht mehr mit Jemandem gefühlt hatte. Andererseits waren das auch nicht die ersten Turbulenzen in unserer Beziehung. Bisheriger Tiefpunkt war hierbei wohl sein „Fremdschreiben“ (als ich entdeckte – dass er mit anderen Männern sextete, während wir bereits in einer Beziehung waren, widmete ich dem Thema bereits einen Blogbeitrag). Die jetzige Enthüllung konnte damit auf jeden Fall nicht mithalten und war definitiv der mildere Schock. Das lag wohl nicht zuletzt daran, dass wir hier von einem selbstgebeichteten Fehltritt redeten. Fehler zu beichten ist wohl wirklich immer immer besser, als das Gegenüber die Fehltritte selbstständig entdecken zu lassen und die sich dann dank des Verschweigens doppelt betrogen vorkommen. Ein Schock war es trotz alledem, denn ich hatte gehofft, dass er seit meiner Entdeckung des fremdschreibens, die zu Streit und erschüttertem Vertrauen geführt hatten, nun konstant ehrlich sei.

Ich weiß noch immer nicht, was ich von der ganzen Sache halten soll. Ich versuche mich im Moment erstmal auf das Positive zu konzentrieren. Den Fehler den Nils gemacht hat – sich per Webcam zu zeigen ohne mir das zuvor gesagt zu haben – das ist das eine. Herausbekommen hätte ich das jedoch wahrscheinlich nicht von alleine. Dass er es mir jetzt doch noch gesagt hat, und das wird ihn auch Überwindung gekostet haben, war das Richtige. Denn mit dem*der Partner*in sexuelle Vorlieben zu teilen ist immer das Richtige. Ich möchte für mich schauen, ob es in Ordnung ist, aber besser gemeinsam diskutiert als das geheime Doppelleben, dass in der „Absolut Anita“-Sendung vorkam. In meinen Beziehungen gehört jede Vorliebe möglichst nüchtern besprochen, damit niemand irgendwelche Bedürfnisse unterdrücken muss. Im Umkehrschluss sollte ich mich nicht genötigt fühlen es abzusegnen, wenn es mir nicht angenehm ist. Eine Lösung findet man da trotzdem am besten immer noch zu zweit.

 

 

Besten Dank für das Lesen dieses Artikels. (Für alle, die es Feiern: Frohe Ostern.) An alle Lesenden: Einen guten Start in die Woche. Gays and the City ist eine wöchentliche Kolumne rund um Beziehung, Dating, Sex und Toleranz. Neue Artikel erscheinen (derzeit planmäßig) jeden Montag.

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