Wilder Sex, schlechter Sex?

Über wilden Sex, der absolut nicht guter Sex ist, habe ich bereits letzte Woche einen Artikel geschrieben. Das wilder Sex auch sehr toll sein kann bedarf eigentlich keiner weiteren Erklärungen und trotzdem widme ich mich hiermit dem Thema nochmal, einfach um mal wieder viel zu intime Details von meinen Freund*innen und mir zur allgemeinen Erheiterung breitzutreten. Bevor ich jetzt also mit dem Schreiben beginne, habe ich mir mit einer halben Flasche Wein Mut angetrunken und ich würde mich wohler fühlen, wenn es mir meine kleine Leserschaft. Ja, das ist eine Aufforderung.

Gleicher Freitagabend, wie er letzte Woche bereits beschrieben wurde. Es geht um dieselbe Bar, dieselben drei jungen Menschen und den gleichen absurd hohen Alkoholpegel, dem wir das Gesprächsthema zu verdanken haben, wie vanilla beziehungsweise wie kinky wir drauf sind. Nach dem wir die Frage, ob wilder Sex automatisch guter Sex sein müsste bereits einstimmig verneinen konnten, indem wir schlechte Sexerlebnisse austauschten, kehrten wir die Frage nun nochmal um.

Aber wilder Sex ist doch auch nicht immer schlechter Sex?!

„Shit. Wenn ich bumzua bin habe ich eigentlich nur sehr wilden und sehr lauten Sex.“ Bei dem Gedanken an eine betrunken ekstatisch lautstark stöhnende Jana brechen wir in lautes Gelächter aus. „Na, es ist einfach so! Gut, dass ich ein so schamloser Mensch bin. Ich sehe nämlich keinerlei Chance, dass meine Mitbewohner nichts davon mitbekommen würden.“

Wir lassen das als Antwort einfach mal so stehen, weil wir gar nicht unbedingt so genau wissen wollen, was Jana da genau im Bett veranstaltet, wenn sie betrunken ist. Also beginnt Daniel zu berichten: „Was ich schon sehr gerne anwende sind Fesseln, aber auch nur, wenn ich in einer festen Beziehung bin. Das Ganze hat für mich sehr viel mit Vertrauen zu tun. Wenn ich Jemandem erlaube mir Handschellen anzulegen, dann nur, weil ich diese Person so gut kenne, dass ich mich auch komplett fallenlassen kann – ansonsten ist ein kompletter Reinfall für mich bereits vorprogrammiert.“ Während er das erzählt, klingt er ein bisschen nostalgisch und traurig, so als wünschte er sich gerade nichts sehnlicher als eine genau solche Verbindung. Und wahrscheinlich ist dem auch so. Natürlich eher wegen der intimen Verbindung zu einem anderen Menschen, als dass er sich so sehr den Sex wünschte. Zusätzlich enthüllt er aber noch etwas: „Was mich wirklich verwundert ist, dass mir selbst in meinen Träumen so geht, dass ich eine starke Verbindung beim imaginierten Sex brauche. Nach Freud regiert im Traum statt dem ‚Über-Ich‘ und dem ‚Ich‘ eigentlich das animalische, unberechenbare ‚Es‘ und trotzdem habe ich keinen wilden Sex mit fremden Männern, sondern mit meinem blöden Ex-Freund, dem mein Unterbewusstsein anscheinend manchmal doch noch hinterhertrauert. Sind also mein ‚Über-Ich‘, mein ‚Ich‘ und mein ‚Es‘ alle gleichsam verliebt in die Vorstellung von Monogamie und wildem Sex mit meinem Exfreund?“

Auch wenn der letztgenannte Aspekt bei mir anders ist (in meinen Träumen sind es sogar sehr oft Fremde, oder häufig auch Menschen die ich zwar kenne, zu denen ich aber eigentlich keine besondere Verbindung habe und generell flüchtige Bekanntschaften, mit denen ich ausgelassenen Sex habe); das, was Daniel ansonsten beschreibt trifft jedoch ebenfalls auf mich und mein Sexleben zu. Es muss für „wilden Sex“ nicht unbedingt nur der Beziehungspartner sein, aber es bedeutet definitiv etwas, wenn ich mein (sehr begrenztes) Arsenal an Sexspielzeugen zum Einsatz bringe. Bei einem ersten Date wird dies jedenfalls nicht geschehen.

So war es auch, als ich erstmals meine (irgendwann mal billig geshoppten) Fesseln zu meinem derzeitigen Freund Nils mitnahm. Als ich sie auspackte, warf er mir erstmal einen ungläubigen Blick zu und fing dann zu lachen an (glücklicherweise aber offensichtlich nicht in einer Art und Weise die sich als „auslachen“ interpretieren ließe). Wir trafen uns an jenem Tag noch mit Freunden, waren unterwegs und ich vergaß das Vorhaben am Abend die Handschellen zur Anwendung zu bringen. In meiner Vorstellung würde Nils sie mir anlegen und dann etwas wilder und härter Zugange sein als sonst. Wieder bei ihm zuhause angelangt ging ich kurz in die Küche um mir etwas zu Trinken zu holen. Als ich in sein Schlafzimmer kam, bot sich mir dann folgender Ausblick: Er auf dem Bett, komplett nackt und die Handschellen angelegt, die lediglich festgezogen werden mussten.

Obwohl wir beide uns beim Sex als „versatile“ definieren, war ich für einen kurzen Moment verwirrt, da ich mir die Rollenverteilung umgekehrt vorgestellt hatte. Der Anblick, wie Nils gefesselt auf dem Bett lag, hatte für mich dann jedoch etwas Unwiderstehliches, also schritt ich sodann zur Tat, schloss die Handschellen und begann mit einem ausgiebigen Vorspiel. Der nachfolgende Sex war so gut. So so gut. Die Aufregung, wenn man im Bett etwas Neues ausprobiert strahlt auf mich irgendwie etwas Magisches aus. Ich nehme Gerüche stärker wahr, bilde mir ein, dass das erregte „schwere Atmen“ und Stöhnen intensiver ist als sonst, dass man auf Berührungen viel empfindlicher als sonst reagiert und die Situation etwas beinahe Ekstatisches hat.

Ich, als viel zu verkopfter Mensch, schaffe es endlich abzuschalten.

Einer meiner wundervollen, hübschen, smarten, tollen Leser hat den Blogbeitrag von letzter Woche mit folgenden Worten kommentiert: „Witzigerweise braucht spontan-wilder Sex eben auch seine Basis, kann eigentlich also nie so richtig spontan sein. Bzw. braucht man dafür einen Partner/Gegenüber, den man kennt, um aus jeder Lage ein Gelage zaubern zu können (haha!). Einfach mal drauflos ist zu risky bis unsensibel, simple as that.“ Dem stimme ich zu. Das muss bestimmt nicht für jede Person so gelten, aber ich kann mich absolut in dieser Aussage wiederfinden. Und großartig formuliert ist es auch noch!

Als Nils bei unserem Sex in Fesseln zum Höhepunkt kommt, als ich ihn, während ich noch in ihm bin, wichse, bekommt er am ganzen Körper Gänsehaut. Sein Körper bäumt sich kurz ein paar Mal auf, dann lässt er sich erleichtert in die Kissen fallen. Befriedigt, zufrieden und in Gedanken verloren streichle ich mit einer Hand über seinen Oberschenkel, wo all die kleinen Härchen abstehen und die kleinen Erhebungen an der Hautoberfläche besonders offensichtlich sind, bis sich seine Haut langsam wieder glättet. Mit der intensivierten Wahrnehmung bei wildem Sex scheine ich also auch nicht alleine zu sein…

 

Vielen Dank für das Lesen meines kleinen Blogs. Gays and the City ist eine (oft mehr aber manchmal leider weniger) wöchentliche Kolumne rund um Beziehung, Dating, Sex und Toleranz. Neue Artikel erscheinen (planmäßig) jeden Montag. Wie immer – Beste Grüße & eine schöne Woche!

2 Gedanken zu “Wilder Sex, schlechter Sex?

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