Sexploration

Der Produzent und die Ausstatterin von Sex and the City haben sich zusammengetan und arbeiten derzeit an einer Serie, die aktuell in der bereits dritten Staffel ausgestrahlt wird. Falls ich mit dieser Ansage ein paar Leser*innen aufgeschreckt habe: Das hört sich spannender an, als es ist. Für solide Fernsehunterhaltung reicht es zum Glück trotzdem; das Ganze trägt den Namen „Younger“.

Liza ist vierzig, hat eine volljährige Tochter und möchte nach der Trennung von ihrem Mann den Wiedereinstieg in den Beruf als Verlagsmitarbeiterin schaffen. Trotz beachtlicher Qualifikationen wird sie aufgrund der langen Auszeit, die sie sich genommen hat, um ihr Kind großzuziehen, abgelehnt. Als sie eines Abends in einer Bar vom attraktiven Mittzwanziger Josh, der sie für gleichalt hält, angeflirtet wird, entsteht die verrückte Idee, sich bei einem weiteren Verlagshaus als angeblich zwanzigjährige Frau zu bewerben. Sie wird prompt eingestellt und führt von nun an ein Doppelleben. Passenderweise kommt sie mit Jüngling Josh zusammen, macht zwischendurch aber auch ihrem gleichaltrigen Chef schöne Augen, sodass ein klassisches Liebesdreieck entsteht.

Springen wir nun zu einem Handlungsstrang der aktuellen dritten Staffel: Als Josh erfährt, dass er der dritte Mann ist, mit dem Liza je Sex gehabt hat, gibt er ihr einen „Freifahrtschein“ für einen vierten Sexualpartner. Die hier aufgeworfene Frage hat auch mich im Nachhinein beschäftigt:

Wie ausgiebig muss man sich sexuell ausgelebt haben, bevor man sich an eine Person binden kann?

Es ist eine Frage, die uns Menschen auf verschiedenen Wegen in verschiedener Form begegnen kann. Zum Beispiel kann man sie sich in Bezug auf den/*die eigene/*n Partner/*in fragen, ob diese*r sich manchmal fragt, ob er/*sie sich sexuell ausreichend ausgelebt hat. Oder aber man denkt tatsächlich selbst darüber nach, wie man die Frage in Bezug auf sich beantwortet. Das Thema Sex scheint in unserer Gesellschaft nahezu omnipräsent und spätestens bei einer Runde Never Have I Ever kann man schonmal ins Grübeln darüber kommen, welchen Horizont man sich im Leben „erarbeitet“ haben sollte, was Sex betrifft.

Noch bevor ich nach Wien gekommen bin, habe ich Bekanntschaft mit einem homosexuellen Pärchen gemacht und mich mit ihnen angefreundet. Die beiden waren um die zehn Jahre älter als ich und sind bereits kurz nachdem sie volljährig wurden zusammengekommen. Dadurch, dass es für beide ihre jeweils erste Beziehung war, kamen sie nicht auf eine nennenswerte Anzahl an anderen Sexualpartnern. Als sie auf die Dreißig zugingen, fingen sie an, Bekanntschaften zu schließen, mit denen sie sich gelegentlich für Sex zu Dritt trafen. Voraussetzung für diesen Sex war stets, dass es eine gemeinsame Sache war, es niemals ein Treffen zu zweit mit jemand Fremdem – immer miteinander zu Dritt – stattfand.

Seit dem letzten Jahr sind sie nun nach wirklich langer Beziehung getrennt und auseinandergezogen. Die Begründung, die derjenige der beiden, der sich trennte, gab, war, dass er sich sexuell doch nochmal ausprobieren wollte. Ein Grund also, der dem Ausgangspunkt dieses Artikels nahekommt und erstmal vermuten lässt, dass „nicht besonders erfahren zu sein“ ein Konfliktpotenzial bereithält.

Als ich mich mit Freundinnen und Freunden über diese Trennung unterhalten habe – in typischer Klatsch & Tratsch Manier – fiel sehr schnell auf, dass es im Allgemeinen sehr unterschiedliche Auffassungen davon gab, wieviel Gewicht dem Thema Sex in Beziehungen und im eigenen Leben beigemessen werden.

Robin hatte eine Phase, in der er sich sexuell ausgiebig ausgelebt hat. Es war fast alles dabei: S&M-Spielchen, Sex mit deutlich älteren Männern, Sex zu Dritt, Sexparty in größerer Gruppe, Sex im Wald, Sex im Auto; in dieser Zeit hätte man mit Fug und Recht behaupten können, dass er die Samantha unserer Gruppe war. Derzeit sucht er eine feste Partnerschaft, als er jedoch einen etwas jüngeren Mann datete, der enthüllte, dass er erst ein einziges Mal Sex gehabt habe, ließ er ihn auf Anhieb abblitzen. „Wir hätten doch gar nicht zusammengepasst. Die Phase, in der ich mich durch die Stadt gevögelt habe, hat mich geformt und ich möchte jemanden, der diese Phase ebenfalls bereits hinter sich hat.“ – „Aber was, wenn nicht jeder so eine Phase durchlebt?“ – „Ja, ich weiß eh, was du meinst, aber selbst wenn nicht, so fühle ich mich sicherer, wenn ich weiß, dass mein hypothetischer Partner sich nicht mehr ausprobieren muss.“ – „Und was, wenn manche Menschen diese Phase mehr als einmal ausleben müssen?“ – „Dann leben wir das halt zusammen aus.“ – „Ja, aber dann kannst du ja auch jemanden nehmen, der die Phase noch vor sich hat?!“ – „Ja, aber nein.“ – verwirrte Gesichter.

Ganz anders geht das Daniel. Er meint, dass auch in seinem Singleleben der Sex eine nicht so übergeordnete Rolle spielt und glaubt auch nicht, dass dem dann in einer Beziehung so wäre. „Mir fehlen doch schon jetzt die doofen Sexdates nicht, wieso sollte das in einer Beziehung anders sein?! Der Wunsch nach wechselnden Sexualpartnern ist doch viel relevanter für diejenigen, die das auch schon vor der Partnerschaft abgefeiert haben.“

Die ganze Geschichte lässt sich wohl nur individuell beantworten. Wenn ich an meine eigenen sexuellen Erlebnisse denke, dann stelle ich fest, dass ich froh um diese bin. Ob sie notwendig waren, um mich binden zu können – ich weiß es nicht. Ich würde immer versuchen den Schwerpunkt auf das Hier und Jetzt zu legen. Wenn ich mich auf eine Partnerschaft einlassen will, dann tue ich das auch. Genauso finde ich auch die Bevormundung anderer Quatsch. Wenn sich jemand nicht wirklich monogam binden kann, da dazu noch Erfahrungen fehlen, dann wird diese Person das wohl selbst wissen. Wenn dieser Jemand noch Jungfrau wäre, dann wäre das eben so. Einen Freipass würde ich deswegen nicht sofort ausstellen, aber die Frage, ob man mit Monogamie zurechtkommt, stellt sich auf Dauer in vielen Beziehungen sowieso – egal ob die Liste der vorigen Sexpartner ins Unendliche geht oder nicht einmal wirklich existent ist.

In der beschriebenen Episode der Serie Younger ist es so, dass Josh seiner Partnerin Liza mit dem Freifahrtschein für einen potenziellen Sexpartner Nr. 4 eine Idee in den Kopf gepflanzt hat, den sie in der Ausprägung wahrscheinlich gar nicht hatte – und zwar der, eines Seitensprungs mit ihrem Chef Charles. Der Stoff für weitere dramatische Storylines ist also garantiert. Molly Bernard, eine Nebendarstellerin der Serie, hat die Materie betreffend ein paar passende Worte gefunden: „You have to have freedom. Even if you’re with someone, you can’t assume that they’re yours for life, even if you are married. It’s a choice you make to stay with someone every single day.“

 

Vielen Dank für das Lesen meines kleinen Blogs. Ein Tipp zum Weiterlesen (für „Neulinge“): Ich habe in einem anderen Blogartikel bereits erörtert, was für mich Sex in der Beziehung besonders macht. Gays and the City ist eine wöchentliche Kolumne rund um Beziehung, Dating, Sex und Toleranz. Neue Artikel erscheinen jeden Montag.

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