Der Unsichtbare Dritte

Du datest einen vergebenen Typen? Lass es sein! Du hast ihn aber wirklich gern? Lass es sein.

Es gibt einen Film aus dem Jahr 1959 mit dem Titel „Der Unsichtbare Dritte“ (im Original „North by Northwest“). Der deutsche Titel ist eigentlich ein bisschen verwirrend, wer genau ist „der Dritte“ und wieso ist er „unsichtbar“? Die gleiche Frage stellt sich bei der Betitelung dieses Blogbeitrags wohl auch. Bist du der Dritte oder ist es der/die Freund*in deines Dates? Wie lange funktioniert das mit dem „unsichtbar“-bleiben?

Eine Sache ist gewiss – das kann nicht ewig gutgehen. Um zu illustrieren, wie das alles ausgehen wird, ziehe ich die berühmteste Szene aus „Der Unsichtbare Dritte“ heran, in der die von Cary Grant verkörperte Figur von einem Flugzeug durch ein Maisfeld gejagt wird. Genau in diese Situation hast du dich manövriert: Du bist Cary Grant, der/die Freund*in deines Gspusis ist das auf dich feuernde und Maisdünger abwerfende Flugzeug.

Du denkst du jetzt: „Was soll das? Du hast doch keine Ahnung!“ Falsch gedacht, ich war auch mal an deiner Stelle. Durch meine Mitbewohnerin habe ich damals David kennengelernt. David war ein cooler Typ, er hatte Bandshirts und Festivalbändchen. In seiner Gegenwart fühlte man sich schnell umworben. Er lachte viel, war ein guter Zuhörer und ja, irgendwie duftete er auch sehr gut. So wird ihn sicher auch sein Freund wahrgenommen haben, David hatte nämlich seit knapp einem Monat einen Partner. Das hielt ihn aber nicht davon ab, nach einem Vortrinken, das in ein WG-Saufgelage ausartete, in meinem Bett zu nächtigen. Während ich gerade meinen Pyjama anziehen wollte, erklärte er mir, dass er es schöner findet, wenn man nackt miteinander einschläft. Er könnte seinen Freund ja sowieso niemals betrügen, es gehe da nur ums Kuscheln. Da seine Beziehung eine Fernbeziehung sei, fehle ihm der Körperkontakt beim Einschlafen.

In der Nacht bin ich ein paar Mal von seinen Bewegungen aufgewacht, fühlte mich ansonsten aber so geborgen wie schon lange nicht mehr und merkte, dass ich gemeinsames Einschlafen ebenfalls sehr vermisst habe. Am Morgen spürte ich dann, wie seine Hand immer wieder ihren Weg zwischen meine Beine fand. Schlaftrunken und möglicherweise auch noch sehr restbetrunken verhinderte ich seine Berührungen ein paar Male, dann ließ ich ihn aber gewähren und er gab mir einen Handjob. Und obwohl ich irrsinnige Kopfschmerzen hatte und mich schon auf die erfrischende Dusche freute, war das wirklich ein schöner Morgen.

Die nächsten Wochen vergingen wie im Flug. Wir trafen uns ein paar Mal. David hat seinem Freund von uns erzählt. Der war natürlich nicht begeistert, aber mehr wollte er mir nicht sagen und sie waren wohl immer noch zusammen. Das mit dem Handjob wiederholte sich, diesmal in seiner Wohnung. Als ich danach auf dem Rückweg war, ärgerte ich mich. Ich war für David mittlerweile völlig auf Abruf. Wenn er sich alleine fühlte, kam ich angelaufen, ich selber fühlte mich aber total isoliert. Auch ich habe es verdient, dass man sich mit mir zeigen will, wieso bin ich nur die bescheuerte Hintertür, wenn man gerade einsam ist? Wenn das alles OK wäre, wieso fühlt es sich dann so beschissen an?

Du bist noch immer nicht überzeugt und weil du denkst, dass deine Lage ganz anders ist, suchst du Ausreden wie: Vielleicht wird mein Gspusi aber wirklich seinen Freund verlassen? Nein. Aber es könnte bei ihm und seinem/r Freund*in ja wirklich so schlecht laufen, wie er sagt? Nein. Er wartet nur den richtigen Zeitpunkt ab, um Schluss zu machen. Nein. Wir können bestimmt glücklich werden, wir sind füreinander bestimmt. Nein, nein, nein!

Natürlich muss auch ich eingestehen, dass mein Fall nicht dein Fall sein muss. Nur weil es bei mir nicht geklappt hat, muss das bei dir nicht auch so sein. However wie stellst du dir die Situation denn vor, sobald dein Gspusi tatsächlich seine/n Freund*in verlassen hat – lebt ihr dann happily ever after? Vielleicht. Vielleicht nicht. Ich kenne keine einzige Beziehung, die ohne Streit auskäme. Was werden wohl deine Gedanken nach einem solchen hypothetischen Streit sein, wenn er dann wütend die Wohnung verlässt und um den Kopf frei zu bekommen zwei, drei Stunden wegbleibt. Du glaubst, dass du dir keine Fragen stellen wirst, was er macht, wenn er nicht bei dir ist? Für die Dynamik von David und mir war es bezeichnend, dass er mir sagte, dass er seinen Freund niemals betrügen könnte. Das war gelogen: Zählt man unsere intimen Begegnungen mal nicht als „betrügen“, gab es da trotzdem noch andere Geschichten. Nachdem ich die Reißleine gezogen hatte und langsam versuchte, von David loszukommen, traf ich ihn noch eine handvoll Male als „Freund“. Bei diesen Treffen bekam ich sehr wohl mit, dass er seinen Freund betrog. Er erzählte mir als „Freund“ sehr offen von seinen „Tiefpunkten“. Die Lehre, die ich daraus zog? Vielleicht sollte man dem Mann, der neben seinem festen Freund noch weitere Treffen und Arrangements hat, nicht alles glauben, was er von sich gibt!

Falls sich dir der Ausgang deiner Handlungen noch immer nicht ganz erschlossen hat: Die beschriebene Filmszene endet natürlich mit einem Crash eines Benzinlastwagens und einer Explosion. Viel Glück dabei! Und jetzt ernsthaft – schau dir nochmal den Gesichtsausdruck von Cary Grant auf dem Beitragsbild an. Siehst du? Siehst du!

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