Gay and my City

Um sicherzugehen, dass ich auch wirklich dem Klischee schwuler Serien entspreche, treffe ich mich manchmal mit Daniel im Fitnessstudio. Daniel wohnt mit Jana zusammen, ist schwul und, wenn man ihn irgendwie klassifizieren wollen würde, er ist ein bisschen so ein Bro-Typ. Wir schauen nebeneinander bestimmt ein wenig albern aus, wie wir auf den Crosstrainern auf und ab wippen, aber in unserem Fitnessstudio lungern viel weniger scharfe Typen rum, als das auf Werbeplakaten und in Filmen immer suggeriert wird, also ist uns das herzlich egal. Also beginnen wir uns laut darüber zu unterhalten, wie wir nach Wien gekommen sind und erstmals Kontakt mit „Schwulen“ und der „Szene“ hatten.

Daniel kam aus einem sehr kleinen Dorf im Waldviertel und hatte einen sehr verklärten, romantischen Blick auf seine Homosexualität und wie er sie in Wien würde ausleben können. Nicht unbedingt hinsichtlich ausufernder sexueller Erfahrungen – eher so wie im Film Weekend, alles ist irgendwie super intim, super süß, einfach super halt. Als er dann die ersten schwulen Männer getroffen hatte, fragten sie ihn, ob er nicht etwas modischere Shirts tragen wolle. „Ich bin wirklich kein Fan von der Unterstellung, Schwule seien oberflächlicher als der Rest dieser oberflächlichen Welt – aber es war zuerst wirklich ein Schock. Ich hatte zuvor noch nie mit irgendeinem schwulen Mann geredet und dann gerate ich in eine Gruppe, wo man sich über gezupfte Augenbrauen unterhält.“

Wie groß ist eigentlich der Irrglaube schwuler Männer darüber, was sie in der „großen Stadt“ erwarten wird?

Als ich nach Wien gekommen bin, hatte ich mich bis dahin bei exakt einer Freundin geoutet, bin nur ein einziges Mal zuvor völlig betrunken in eine Schwulenbar gegangen und war selbstredend auch noch Jungfrau. Genau wie Daniel wollte auch ich eine Beziehung, aber das mit dem Sex wurde mir mit der Zeit immer wichtiger.

Mir ist recht schnell aufgegangen, dass die Sache mit der ersten Beziehung gar nicht so einfach war, ich fand mich also schnell mit der Vorstellung ab, mein erster Sex könnte durchaus auch mit einem mir fremden Mann als One Night Stand stattfinden. Das erste Mal ist ja sowieso ziemlich verschrien (das erste Mal ist bei JEDEM schlecht blabla), das will ich nicht mit meiner ersten großen Liebe haben, die auf diesem Gebiet sicher schon sehr erfahren sein wird – besser ich habe bis dahin dann schon ein paar Erfahrungen gesammelt.

Ein paar Wochen nach meinem Umzug nach Wien landete ich dann im Schwulenclub WhyNot und fühlte mich absolut bereit für ein hookup. Da ich völlig betrunken war, war ich auch ziemlich euphorisch, was all die schwulen Männer um mich herum betraf. Für mein angeheitertes Ich waren da genügend ansehnliche Kerle dabei und meinem Zustand entsprechend stürmte ich sofort, Lady Gaga’s „Poker Face“ laut mitgröhlend, die Tanzfläche. Mich links und rechts umschauend fiel mir recht schnell ein superschoafer Typ mit Hipsterbart, Hipsterpullover und einschüchternd-versiertem Blick auf. Er tanzte nicht wirklich mit, sah mir stattdessen bei meinem Herumgewackle zu. Ich tat so, als würde ich seine Blicke nicht bemerken und bewegte mich tanzend durch den Raum, um einen Drink zu bestellen.

Als ich mich auf die Tanzfläche zurückwagte, war mein Objekt der Begierde nicht mehr zu sehen und ich tanzte weiterhin ein bisschen in der Gegend herum, bis ich plötzlich angetippt und mir ein zweiter Drink in die Hand gedrückt wurde.

Mein erster Sexpartner hatte dann tatsächlich den weitverbreitetsten Namen der Welt, Mohammed, und ich nenne ihn nach wie vor den Hipster-Iraner. Seine Merkmale: Er hatte einen wunderschönen Körper, wunderschöne Schuhe und er konnte nicht wirklich gut Deutsch oder Englisch. Auf Nachfrage erfuhr ich dann auch, dass er eigentlich nur auf der Durchreise war. Jackpot! Ich würde Sex haben können und der Person dann nie wieder begegnen. Und jetzt hatte er mir eh schon einen Drink ausgegeben, also müsste ich ihn wohl so oder so mit nach Hause nehmen – Betrunkenenlogik.

Durch die Sprachbarriere war die U-Bahnfahrt ziemlich unangenehm. Ich war mir nach unserem Gespräch auch nicht ganz sicher, ob er Gebets- oder Mathelehrer war. In meiner Wohnung angelangt wurde es dann aber deutlich angenehmer: Er nahm ein paar Bücher aus meinen Regalen, blätterte darin rum und äußerte, wie cool er mein Schlafzimmer mit meinen Habseligkeiten finden würde. Wenig später lagen wir dann nackt in der 69er-Position auf meinem knarzenden Bett und befriedigten einander oral.

Dann offenbarte sich auch bereits das erste und die Nacht bestimmende Manko: Ich hatte Kondome da, Gleitgel hatte ich aber nur in einer Miniverpackung, welche an dieses Gratiskondom angeheftet war. Natürlich wollte ich um jeden Preis penetriert werden, aber noch heute erschaudere ich darüber, warum ich von vornherein nicht eine große Tube Gleitcreme eingekauft hatte.

Der etwas zu trockene Sex war recht erfinderisch. Sex auf dem Bett, Sex im Stehen am offenen Fenster, nochmal Sex im Liegen und schlussendlich Sex an der Bettkante, wo er über mein Gesicht abspritzte. Es ist nicht nur mein erster Sex sondern auch das erste Mal, dass ich danach versuche, mit jemandem zusammen einzuschlafen. Das funktioniert überhaupt nicht und so lag ich eine gefühlte Ewigkeit hellwach neben meinem tiefschlafenden Sexpartner. Währenddessen fragte ich mich natürlich, ob es das ist. Ob das der Sex war, den ich wollte? Ob es s sich so anfühlt, neben jemandem einzuschlafen?

Mohammed nahm einen sehr frühen Zug, allerdings bestand er vorher noch auf eine zweite Runde. Als er weg war, frühstückte ich mit meiner Mitbewohnerin und redete in knappen Worten über die vorige Nacht. Bis dahin war ich mir sicher, dass es für ein erstes Mal eigentlich ganz gut lief, als ich jedoch das hinterbliebene Kondom entsorgen wollte, merkte ich, dass es geplatzt war. Panisch durchforstete ich die Folgetage das Internet nach Symptomen für Geschlechtskrankheiten und war mittlerweile gar nicht mehr so zufrieden. Außerdem war der Sex für mich weder besonders befriedigend, noch mochte ich das gemeinsame Einschlafen. Ich fing deswegen auch an, in Foren mitzulesen, in denen sich asexuelle Menschen miteinander austauschen. Ein Test sechs Wochen später bestätigt mir, kerngesund zu sein. Und bezüglich Asexualität?

„Es hat sich außerdem mittlerweile herausgestellt, dass ich nicht asexuell bin.“, beende ich meine Geschichte. War ich jetzt eigentlich etwas laut in meinen Erzählungen, konnte die Person die hinter uns am Rudergerät trainiert, alles mithören? Ups…

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