Disaster Date

Vor zweiten Dates sollte man eigentlich noch nervöser sein, als vor ersten. Das Problem ist, dass das Risiko, nach ein paar Minuten keinen Gesprächsstoff mehr zu haben, nochmal deutlich höher ist. Beim ersten Date kann man sich immer noch auf ein paar allgemeine Fragen retten: Wo kommst du her? Was ist dein Job? Wie war dein Coming-Out? Seit wann wohnst du in Wien?

Eine gute Möglichkeit ist es also, das zweite Date im Kino stattfinden zu lassen. Man unternimmt etwas gemeinsam und lässt sich die Option offen, nach dem Film zusammen etwas trinken zu gehen. Wenn unangenehme Pausen entstehen, lässt sich über beliebige Filmszenen diskutieren. Risiko minimiert – und trotzdem kann das alles ganz schön schiefgehen.

Martin und ich treffen uns vorm English Cinema Haydn. Bezüglich der Filmauswahl haben wir uns gegen die allzu stumpfsinnigen Komödien, stattdessen für einen typischen Anwärter bei der nächsten Oscarverleihung entschieden. Ein Film über Sklaverei im 19. Jahrhundert. Ein Film mit Anspruch, sicherlich nicht unbedingt „gute Unterhaltung“ im herkömmlichen Sinne, aber andererseits reden wir hier doch von Hollywood. Es wird sicher noch oft genug propagiert werden, es sei einer dieser Filme, die man sowieso gesehen haben muss. Wir kaufen uns Popcorn und tauschen uns in der Wartezeit auf den Filmbeginn ein wenig aus, wie die letzte Woche so war. Bis hierhin läuft es soweit ganz gut. Nun geht’s bergab.

Der Einlass hat begonnen und wie begeben uns in den Kinosaal und setzen uns auf unsere Plätze. Glücklicherweise sind diese sehr mittig und auch sonst verläuft ja bis jetzt alles ganz gut. Plötzlich ertönt hinter uns ein Schrei. Ich sehe nur noch aus den Augenwinkeln, wie eine Portion Nachos vornüberfliegt und sich die zugehörige Käsesoße ein wenig auf dem Kopf und ganz viel auf dem Hemd meines Dates ergießt.

Es ist mir eigentlich gar nicht in Worten möglich zu beschreiben, mit welcher Heftigkeit die Stimmung mit einem Mal gefriert. Martin verschwindet auf die Toiletten, um die Käsesoße rauszuwaschen, ich versuche, uns neue Plätze zu beschaffen – die Käsesoße hat sich zum Teil auf den Sitzen verteilt. Die neuen Sitze sind deutlich weiter außen als die vorigen. Das macht mein Date ein wenig grantiger als sowieso schon. Um jeden aufkommenden Stress zu überspielen, nehme ich natürlich den äußeren Sitzplatz.

Der Film ist um einiges erschütternder, als angenommen. Man kann vielleicht sagen, dass es wichtig ist, diese Geschichte zu erzählen, es würde mir aber sehr schwer fallen, diesen Film weiterzuempfehlen, weil mir niemand einfiele, der/dem man mit den mehreren mehrminütigen Szenen des Auspeitschens und Prügelns den Tag vermiesen wollen würde. Ziemlich gerädert verlassen wir dementsprechend nach der Vorführung den Kinosaal. Wir sagen kaum ein Wort zueinander, bis wir uns außerhalb des Gebäudes befinden. Er beginnt zu erzählen, dass er viel mitgenommener vom Film ist, als er zuvor angenommen hätte. Eigentlich war sein Plan, jetzt noch in eine Bar weiterzuziehen, aber irgendwie will er jetzt eher nach Hause und sich umziehen. Sein Vorschlag ist deswegen, sich für die nächste Woche etwas auszumachen.

Auf dem Nachhauseweg überlege ich, ob das alles nur ein Vorwand war, um von mir loszukommen? Andererseits war es für ihn wahrscheinlich wirklich noch etwas nervenstrapzierender, auch ich hätte wohl den Heimweg antreten wollen, wenn über meine Kleidung Soßenflecken verteilt gewesen wären. Ich hatte mir das alles etwas anders vorgestellt.

Zuhause angelangt drehe ich Musik auf und versuche mich ein wenig abzulenken. Mein Handy leuchtet auf. „Meine Mitbewohnerinnen sind beide nicht zuhause. Ich ärgere mich jetzt irgendwie doch, dass ich nicht noch mit dir in eine Bar gegangen bin.“ Ich verstehe ihn. Nach diesem niederschmetternden Film ist es gerade nicht so schön, allein zu sein, auch ich empfinde so. Mein Handy leuchtet ein weiteres Mal auf. „Magst du vielleicht noch vorbeikommen?“ Ich lächle. Ja, ich will noch vorbeikommen.

Ein Gedanke zu “Disaster Date

  1. Ein schöner Twist. 🙂
    Hätte ich jetzt auch so gedeutet. Peitschereien und Sauce statt einem schönen Date können schon frustrierend sein, aber wenn die Person (aka Du) dahinter stimmt, kann vieles gerettet werden (und noch viel mehr).

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s