We need to talk

Das erste Mal, dass ich von Biphobie erfahren habe, war ich erstmal schwer verwirrt. Na klar, auch ich hatte von den vielen Vorurteilen gehört, die bisexuelle Menschen betreffend kursieren. Zum Beispiel, dass sich bisexuelle Männer schlussendlich immer an einen Mann binden und bisexuelle Frauen ebenfalls immer irgendwann in einer Beziehung mit einem Mann hängenbleiben, sprich: Bisexuelle Männer sind einfach nur schwule Männer, die sich kein richtiges Coming-Out trauen, bisexuelle Frauen sind lediglich in einer Experimentierphase, aber eigentlich hetero.

Es ist eine traurige Wahrheit, dass in vielen Serien – Serien die sich auch darüber profilier(t)en „mutig“ bestimmte Normative zu hinterfragen – klischeebehaftete Vorurteile reproduziert werden. Angefangen von der diesem Blog den Namen gebenden Serie Sex and the City, wo Carrie kurzzeitig mit einem bisexuellen jüngeren Mann ausgeht, mit ihm auf eine WG-Party geht, auf der sich die Gäste beim Flaschendrehen gegenseitig küssen, und sich frühzeitig entschließt nach Hause zu gehen, denn für solche Spielereien von Leuten, die nicht wissen was sie wollen, sei sie einfach schon zu alt. Bisexuelle müssen also einfach erwachsen werden? Bei Queer as Folk und The L-Word schaut die Sache nicht viel besser aus. Bisexuelle Figuren sind einfach ein bisschen verwirrt und sprunghaft: Sie ändern früher oder später ihr Sexualverhalten wieder.

Wieso funktionieren solche diskriminierenden Unterstellungen überhaupt? Ein Grund ist wahrscheinlich eine gewisse „Unsichtbarkeit“ bisexueller Mitmenschen. Ungeoutet fallen Bisexuelle als solche nicht auf. Küssen sie das gleiche Geschlecht, gelten sie als homo-, küssen sie das andere Geschlecht, gelten sie als heterosexuell. Es fehlen zudem Anreize, sich zu outen. Als Person, die sich in einer Beziehung mit dem anderen Geschlecht befindet, könnte es durch ein Outing dazu kommen, dass man mit Diskriminierung konfrontiert wird, die homosexuellen Mitmenschen entgegengebracht wird. Um dagegen anzukämpfen, ist es natürlich wünschenswert, generelle Toleranz für alle Lebensformen, die von einer heteronormativen Lebensweise abweichen, zu ermöglichen. Ein weiteres Szenario ist jedoch ein Outing einer Person, die sich beispielsweise in einer Beziehung mit einer Person des gleichen Geschlechts befindet, und sich nun als bisexuell offenbart. Es kommt (wie bei dem anderen Szenario natürlich auch) zu einer Art der Diskriminierung, für die mir jedes Verständnis fehlt. Die Begründungen dieser sehr dummen Vorverurteilungen reichen von: „Bisexualität gibt es gar nicht, das sind Homosexuelle, die gerne ‚heterosexuelle Privilegien‘ beibehalten wollen“, bis „Bisexuelle sind promiskuitiv/nymphomanisch/hypersexuell“.

Bei den Überlegungen, wo diese Vorurteile herkommen, habe ich auch an mein eigenes Coming-Out denken müssen. Nachdem ich mich vor mir selbst geoutet hatte, mir also eingestehen konnte, dass ich wohl irgendwie „anders“ war (inneres Coming-Out), hat sich kurzzeitig ein Konstrukt in meinem Kopf festgesetzt, dass mir eine gewisse „Normalität“ vorgaukeln sollte: „Ich bin bestimmt bisexuell. Ich könnte mir zwar Sex mit Männern vorstellen, aber ich möchte definitiv mit einer Frau eine Familie gründen.“ – letzterer Wunsch war für mich also dieses „normal“, dass ich als Jugendlicher als so wichtig für mein Selbstverständnis empfand. Mit dieser Lüge war ich fast „normal“. Kommt vielleicht aus dieser Überlegung der Schluss „Bisexuelle sind nur noch nicht vollständig geoutet“, einfach weil viele homosexuelle Menschen sich selbst kurzzeitig als bisexuell definiert haben?

Meine beste Freundin Jana kennt die genannten Vorurteile sehr gut, sowohl die Anschuldigung, sie als Bisexuelle sei eine verwirrte Lesbe, als auch die Unterstellung, sie sei sexbesessen.

„Man hat mir das halt auch mal ins Gesicht gesagt. Eine Lesbe hat erzählt, dass sie eine schlechte Erfahrung gemacht hat; dass man sich von ihr getrennt hat, weil es doch bequemer war, danach wieder mit einem Typen zusammenzukommen. Als ich dann mitbekommen habe, dass es diese Vorbehalte gegen meine Sexualität gab, habe ich mich auch gefragt, ob es für mich nicht fast ‚bequemer‘ wäre, nur noch Jungs zu daten. Ist das nicht krass? Eine Lesbe hat mich fast dazu bekommen, vorläufig nur noch Personen des anderen Geschlechts zu daten.“

Ich will ja niemandem die persönlichen Erfahrungen nehmen und die Schlüsse, die daraus gezogen werden, aber: Nur weil du mal eine bisexuelle Person gedated hast, die sich wirklich als sexsüchtig offenbart hat, gilt dies nicht gleich für jedweden bisexuellen Menschen! Und wäre es nicht wünschenswert, es bisexuellen Menschen leichter zu machen, auch gleichgeschlechtliche Beziehungen einzugehen, indem man sich offen auf sie einlässt? Wäre das dann nicht auch ermutigender, um sich dem Schritt zum bisexuellen Outing zu öffnen?

Man muss ja nicht gleich mit den Argumentationen von Queer Theory übereinstimmen, dass Sexualität im Allgemeinen „fließend“ sei, aber was doch wirklich wünschenswert wäre, ist meiner Meinung nach die Prämisse, einfach tolerant zu sein, wenn man selber ebenfalls Toleranz einfordert. Wenn du keiner Vorverurteilung begegnen möchtest, versuche bei dir selbst anzufangen und eigene Vorurteile gegenüber anderen Menschen zu reflektieren.

3 Gedanken zu “We need to talk

  1. …schlimm, das darüber immer noch „diskutiert“ werden muss… Das Toleranz immer noch „eingefordert“ werden muss…
    Leben und Leben lassen! Jeder so wie er mag und wie er glücklich ist/wird. Akzeptanz, Toleranz und Respekt, kann doch nicht so schwer sein… Und richtig!, was du nicht willst, was man dir tut, das füg`auch keinem anderen zu. Stimme deinem letzten Satz voll zu 🙂

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, absolut. Wie im Beitrag erwähnt – das erste Mal als ich von Biphobie erfahren habe war ich erstmal verwirrt. Dann habe ich es mit Homophobie gleichgesetzt und gedacht, dass es da um selbigen Hass geht. Als ich dann jedoch einen sehr lesenswerten Artikel zu diesem Thema auf „queer.de“ gelesen habe, fand ich darunter einen Minenfeld an verstörendsten Kommentaren vor (inklusive: Biphobie gibt es nicht, den es gibt auch keine Bisexuellen, usw. usf.). Da habe ich dann gemerkt, dass leider doch mehr dahinter steckt.

      Vielen Dank für deinen Kommentar! 🙂

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  2. Ich finde die Situation von Bisexuellen gut analysiert. Leider sind Schwule und vor allem Lesben nicht toleranter als Heterosexuelle.
    Dabei kann das Leben mit einem Bisexuellen Partner ganz entspannt sein. Ich spreche da aus eigener Erfahrung.

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