Sexting

Wenn man so richtig auf Risiko gehen will, was eine gute Freundschaft anbelangt, dann macht man einen gemeinsamen Campingausflug. Von einem lustigen Hippietrip, bei dem man gutgelaunt Wiesen, Wälder und Weiten erkundet bis zu einem verregneten Albtraum, der jeden Morgen mit einem panischen Erwachen beginnt, weil man fürchtet, aus Sauerstoffmangel im stickigen Zelt das Zeitliche zu segnen, kann wirklich alles dabei sein.

Dieser Campingausflug, den ich mit meinen zwei besten Freunden mache, beginnt erstmal mit dem besagten SuperGAU – Regen. Strömender Regen beim Zeltaufbauen; damit nicht genug bequemt sich ein älterer Camper aus seinem Wohnwagen, um zuzuschauen und laut zu kommentieren, wie wir ausschauen, während wir versuchen, das Zelt aufzubauen. Irgendwann klappt das zum Glück dann auch und wir betrinken uns heftigst im Zeltinneren, um den Frust über das Wetter loszuwerden. Je betrunkener wir werden, desto besser kommen wir mit der Situation klar. Eigentlich ist das stetige Plätschern auf das Zeltdach dann doch recht förderlich für ein Aufkommen harmonischer, heimeliger Kuschelgefühle.

Am nächsten Tag scheint erstaunlicherweise die Sonne. Als Morgenmuffel bleibe ich noch ein bisschen liegen, während meine Freunde sich bereits aufmachen, um ein bisschen die Umgebung zu sondieren und ein paar Grundnahrungsmittel einzukaufen.

Hungover schaue ich, was mir für Männer in meiner Umgebung auf Grindr angezeigt werden. Der ländlichen Umgebung geschuldet wäre der Weg zu einem Date natürlich gut lang, hätte ich aber sowieso nicht vor. Anschreiben tue ich trotzdem einen gutaussehenden Kerl und beginne ein unverfängliches Gespräch. Nach etwa zehn Minuten bekomme ich bereits ein Dickpic zugeschickt und fühle mal kurz vor, in welche Richtung unser Sexting bezüglich Rollenverteilung aussehen könnte.

Weil ich auch sonst eher aus dem Bauch heraus entscheide, wer meine Handynummer bekommen darf, geht das Gespräch nun auf WhatsApp weiter und wir erzählen uns erstmal ein paar Sexgeschichtchen aus unserer Vergangenheit – er mit Schwerpunkt auf Erlebnisse, die eine eher machohafte „Daddy“-Art unterstreichen, ich gebe mich hingegen deutlich unterwürfiger, weniger versatile, als es der Wahrheit entspricht. Es werden ein paar Fantasien kommuniziert, ein paar weitere Bildchen ausgetauscht und dabei wird ein bisschen an sich herumgespielt. Es endet damit, dass ich von einer Gangbangparty schwadroniere, bei der ich an ein Bett gefesselt wäre und er darüber sinniert, wie er der erste und letzte Typ wäre, der randürfte. Das ist zwar alles etwas plump, aber wir beide schaffen es zu einem befriedigenden Höhepunkt, ich verabschiede mich dann und gehe duschen. Mein Handy stecke ich an der Steckdose bei den Waschbecken an und schlendere zu einer Duschkabine. Als ich fertig bin und aus der Dusche komme, ist mein Handy weg.

Nach zehn Minuten der Suche und des etwas panischen Herumlaufens wird mir dann auch bewusst, dass ich mir keinerlei Hoffnungen mehr machen muss. Dieses Handy werde ich nicht mehr wiedersehen. Der einzige Trost, der mir gespendet wird, kommt von einem Mitarbeiter des Campingplatzes, der schockiert von dem Diebstahl ist und mir wenigstens nicht das Gefühl gibt, selbst an der Sache schuld zu sein. Seiner Erzählung nach würden dauernd Handys an diese Steckdosen angeschlossen und es sei noch nie etwas passiert.

Eine Woche später bin ich auf Besuch zuhause. Mein Stiefvater ist ein Mann, der zwar einerseits irrsinnig viel am Handy ist, andererseits aber gerne mal über meine Generation und ihre vermeintliche Abhängigkeit von Technik schimpft. Erst vor kurzem hat er von dem „Phänomen“ Sexting erfahren und empört sich laut darüber, wie man nur so unverantwortlich sein kann, wildfremden Menschen persönliche Fotos zu schicken. „Da könntet ihr wirklich noch was von meiner Generation lernen. Manche Dinge sind privat und das Internet vergisst ja auch niemals! Was wenn der spätere Arbeitgeber auf solche Fotos stößt?!“ An dieser Stelle würde ich am liebsten einwenden, dass ich aus eigener Erfahrung ziemlich genau weiß, dass sich Sexting nicht auf meine Generation begrenzen lässt, ich überlege es mir jedoch anders, da ich nur ungern zugeben würde, dass ich auch Fotos von Männern im Alter meines Stiefvaters erhalten habe. Stattdessen versuche ich es mit der Erwiderung, dass es ja zumindest nochmal einen feinen Unterschied machen könnte, wenn auf Nacktbildern das Gesicht nicht zu erkennen sei. Dem Arbeitgeber könnte es schließlich egal sein, ob ein x-beliebiges Dickpic existiert, es ließe sich schließlich nicht beweisen, wessen Schwengel abgebildet wäre. So schnell gibt sich mein Stiefvater aber nicht geschlagen. „Sollte es einem nicht auch selbst sehr unangenehm sein? Und dir wurde doch gerade erst dein Handy gestohlen. Wie wäre es denn, wenn du da unzählige Fotos drauf gehabt hättest, sowohl von deinem Gemächt, als auch von dir und deinen Urlauben, deiner Freizeit? Wenn dann noch intime Fotos auf sämtlichen Smartphones herumwandern? Das ist doch eine furchtbare Vorstellung?!“

Jetzt bin ich lieber still, denn natürlich hat er in dieser Hinsicht recht. Es war mir wirklich sehr unangenehm, dass ich nicht wusste, wer jetzt alles private Fotos von mir einsehen konnte. Mein Handy war ja eingeschaltet, als es gestohlen wurde, der/die Dieb*in musste nicht mal meinen Pincode wissen, um den ganzen Inhalt durchstöbern zu können.

Natürlich hallen die Worte meines Stiefvaters den ganzen Abend über in meinem Kopf wider. Aber ob meine Generation in dieser Hinsicht wirklich von seiner Generation lernen könnte? Auf Facebook sehe ich noch am gleichen Abend einen Post meines Stiefvaters, den er offensichtlich von einem seiner Freunde kopiert haben dürfte. Er widerspreche mit seinem Posting den geänderten Geschäftsbedingungen von Facebook. Ich muss schmunzeln.

Das könnte vielleicht die Generation meines Stiefvaters von meiner Generation lernen. Wir sind größtenteils nicht mehr ganz so naiv zu glauben, mit einem simplen Posting könnte man einfach so AGBs von einer Internetseite widersprechen, bei der man registriert ist. Ich schließe meinen Laptop und murmle leise: „Touché“.

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