Ein Piefke in Vienna

Dies ist keine Valentinstagsgeschichte. Ein Studienfreund von mir, sein Name ist Robin, klickt sich an einem Mittwochabend durch GayRomeo-Profile. In einer Hand hält er ein Glas Rotwein, mit der anderen umklammert er sein Smartphone.

Zwischen den ganzen kopflosen Sixpackfotos und Rechtschreibfehlern wird er fündig. Flo ist 29, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität und ist laut seinem Profiltext hoffnungsloser Romantiker. Nachdem eben jenes Profil von Robin mit einem Symphatisch-„Tapser“ versehen wurde, verwickeln sich die zwei Männer in ein leidenschaftliches Gespräch über die Musik von Lou Reed. Wenn man Glück hat, dann beginnen Chats auf GayRomeo genau so und nicht anders! Flo verabschiedet sich nach einer Stunde des Chattens, weil er noch Freunde treffen wolle, er hofft aber, so sagt er, dass man das Gespräch bei einem gemeinsamen Kaffee fortsetzen könne. Die beiden einigen sich auf ein Date an einem Freitagnachmittag und schaffen es tatsächlich zwei freie Plätze im phil zu finden.

Die Wahl des Treffpunkts erweist sich als Geniestreich. Neben Getränken und Speisen hat das phil einen altbauwandhohen Bücherturm zu bieten. Das Gespräch kommt zwar erstmal recht gut in Fahrt, als der Gesprächsstoff auszugehen scheint, weil es eben nur begrenzt Lieder von Lou Reed gibt, lässt sich ein Blick auf die Buchrücken werfen und dadurch schnell ein neues Thema finden. Es ist eines dieser magischen Treffen, wo alles zu passen scheint. Nach zwei Stunden des Gesprächs verlassen Robin und Flo das Lokal und spazieren durch das abendlich dämmernde Wien – vorbei am Kunsthistorischen Museum, der Nationalbibliothek, dem Michaelerplatz über den Kohlmarkt bis zum Stephansdom. Beide beteuern, dass es wirklich eine wunderschöne gemeinsame Zeit gewesen sei, dass sie dies demnächst mal wiederholen sollten und noch bevor sich ihre Wege bei der U-Bahnstation trennen, gibt Flo seinem Date zum Abschied einen flüchtigen Kuss.  Mit vor Aufregung glühenden roten Wangen macht sich Robin auf den Heimweg. Zuhause schaut er mehrere Folgen seiner Lieblingssitcom, schreibt Flo eine Nachricht, in der er wiederholt, wie nett er das Date gefunden habe und dass er ihm nun eine gute Nacht wünsche, dann legt er sich schlafen.

Am nächsten Morgen erwacht Robin und schaut auf sein Handy. Noch keine Antwort von Flo, aber die wird schon noch kommen. Er bereitet einen Kaffee zu und macht sich auf zur Uni. Am Nachmittag ist noch immer keine Nachricht von eingetroffen. Robin denkt sich, dass Flo wohl viel zu tun haben wird, langsam wird er jedoch etwas unruhig. Zu Recht, denn das Warten nimmt kein Ende. Nach einer unguten Nacht eine halbe Woche später erlaubt er sich Nachfrage: Hallo? Alles OK? Gibt es dich eh noch? – Doch es bleibt dabei. Keine Antwort. Robin hört nie wieder von Flo.

Es ist eine Geschichte ähnlich der Valentinstagsgeschichte, die Carrie Bradshaw in der Pilotfolge von Sex and the City zum Besten gibt – nur, dass Robin sich zum Glück noch kein Haus mit Flo gekauft hat.

„Der Umgangston ist schon einer anderer.“ Robin ist mittlerweile mein bester Freund. Vor zwei Jahren ist er aus einer Kleinstadt in Deutschland ins schöne Wien umgezogen. Ich werde ihn in diesem Blogeintrag den Piefke taufen. Aber er ist ja auch nicht irgendein Piefke, er kommt zu allem Überfluss auch noch vom Land und da läuft alles ein bisschen anders ab. Robin beschreibt es so:

„Zugegeben, der Nachteil am Dating auf dem Lande ist, dass kaum jemand ein Profilbild besitzt, weil jeder das Gefühl hat, sich verstecken zu müssen. Du triffst ständig auf irgendwelche ungeouteten Typen, die ‚Diskretion‘ und ‚du musst besuchbar sein, damit meine Frau nichts mitbekommt‘ voraussetzen. Dafür traut sich aber wenigstens niemand diesen Ghosting-Bullshit abzuziehen, einfach, weil du befürchten musst, dass man sich zwei Tage später im Supermarkt über den Weg läuft oder drei Tage später in der gleichen Bar einen trinken geht, weil es sich eben um die einzige Kneipe handelt, die es im Dorf gibt.“

Was ist denn der typische Wiener-Umgangston beim Onlinedating?

Um aus eigener Erfahrung zu sprechen: Es ist nicht ganz unüblich, dass einziger Zweck des Anschreibens ein Dickpic ist. Dass man gemeinsam ein Treffen vereinbart hat und das (wenn überhaupt) in letzter Minute abgesagt wurde, soll in dieser Stadt auch schon mehr als einmal vorgekommen sein. Wenn es aber ein Phänomen beim Onlinedating gibt, das mir wirklich erst in der Stadt aufgefallen ist, dann ist das diese Unart, wundervolle Gespräche zu führen, wundervolle Dates mit Männern zu haben und letztlich kurz davor zu sein, sich heftigst in diese zu verlieben, bis sich plötzlich besagte Personen totstellen. Meist hilft es nicht einmal sich eine Geschichte auszudenken, wie das Gegenüber wirklich zu Tode gekommen sein könnte, um sich vormachen zu können, man selber trage definitiv keine Schuld. Was bleibt, ist wirklich Verwirrung. In seltenen Fällen wünscht man sich dann, in der Stadt könne es doch wenigstens ein bisschen weniger anonym zugehen.

Und trotzdem versucht man es wieder, wenigstens gibt es in der Stadt Auswahl. Vielleicht kann man eh in eine gute Zukunft schauen, in der die große Liebe nur auf einen wartet. Nur nicht Flo, der hat vielleicht berechtigterweise Angst, denn er kann sich in dieser Stadt nicht ewig verstecken. Wenn er länger als zwei Wochen hier wohnt, wird er wohl bereits gelernt haben – auch wenn wir vielleicht fast alle Profilbilder mit echten Gesichtern haben und uns nicht in einer heterosexuellen Ehe mit zwei Kindern befinden: Wien ist ein Dorf.

3 Gedanken zu “Ein Piefke in Vienna

  1. had similar experience to your friend Robin. why do they give positive feedback after the first date, but wouldn’t want to meet again? there’s no need to be polite in my opinion. just be honest with how you feel, if there’s no chemistry, just say so.

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